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Entwicklung eines Lebensraummodells mittels ENFA

Was sich kompliziert anhört ist anspruchsvoll, aber im Ergebnis eine gute Hilfe für die weitere Entwicklung eines Lebensraumverbundes für diese Verantwortungsart. Die Berechnung eines Lebensraummodells gliedert sich in mehrere Schritte, die nachfolgend erläutert sind:
Zur Entwicklung eines Lebensraummodells für die Bechsteinfledermaus werden Untersuchungsflächen zur Abbildung der Habitatverfügbarkeit und der durch die Tiere tatsächlich genutzten Habitate (Habitatnutzung) definiert. Die Habitatverfügbarkeit wird für die gesamte Fläche des Naturparks Rhein-Taunus formuliert. Die Habitatnutzung wird innerhalb der Aktionsräume der Kolonien und der Kernjagdgebiete quantifiziert. Die Abgrenzung von Aktionsräumen und Kernjagdgebieten der Bechsteinfledermauskolonien erfolgt auf der Basis von durchschnittlichen Flugdistanzen, die Bechsteinfledermäuse zwischen den Tagesquartieren und den Jagdgebieten zurücklegen und der durchschnittlichen Größe von Aktionsräumen, die Kolonien dieser Fledermausart nutzen. Diese Werte gründen auf Telemetriedaten im Rahmen von Forschungsarbeiten sowie der Auswertung veröffentlichter Studien zur Habitatnutzung von Bechsteinfledermäusen. Die Darstellung dieser abgeschätzten, idealisierten Aktionsräume und Kernjagdgebiete erfolgt dann in Form kreisförmiger Pufferzonen um die Koloniestandorte. Ein Koloniestandort wird als der theoretische Mittelpunkt aller lokalisierten Quartiere, das Quartierzentrum, berechnet und bildet den Mittelpunkt für die Definition der Aktionsräume und Kernjagdgebiete.
Die Datenvisualisierung und die Verschneidung der gefragten Untersuchungsräume mit Landschaftsdaten zur Erstellung einer Habitatkulisse für die weitere Analyse erfolgt in einem Geographischen Informationssystem (ArcGIS, Fa. ESRI) mit speziellen Erweiterungen zur Analyse von Raumnutzungsmustern (Home Range Tools für ArcGIS, Spatial Analyst). Die Grundlage für diesen Arbeitsschritt bilden verfügbare Daten zur Bodenbedeckung bzw. Landnutzung (Vegetation, Bebauung) im Untersuchungsgebiet, insbesondere Daten der Hessischen Biotoptypenkartierung und Forsteinrichtungswerke. Zusätzlich werden weitere Landschaftselemente wie Gewässer, Heckenreihen oder andere linienförmige Strukturen, die als Leitstrukturen in Offenlandhabitaten dienen können, auf der Grundlage von Luftbildern digitalisiert, soweit sie nicht in verfügbaren digitalen Kartenwerken enthalten sind.
Die Habitatausstattung innerhalb der verfügbaren Fläche (hier: die Fläche des Naturparks) und innerhalb der abgegrenzten Kolonie-Aktionsräume und -Kernjagdgebiete wird durch eine Vielzahl unterschiedlicher Parameter bestimmt, die nicht nur jeweils für sich einen Beitrag zur Lebensraumeignung für die Zielart leisten, sondern auch Wechselwirkungen untereinander eingehen und in ihrer Gesamtheit eine bestimmte Fläche als mehr oder weniger geeignet für die Zielart erscheinen lassen.
Neben weiteren sind die folgenden Parameter geeignet, die Lebensraumausstattung in den verfügbaren Flächen und den Aktionsräumen bzw. Kernjagdgebieten zu analysieren und daraus ein Modell zu generieren:

 

  • Hauptbaumarten, Anteile unterschiedlicher Waldtypen an der Gesamtfläche,
  • Bestandsalter,
  • Bestockungsgrad,
  • Kronenschlussgrad,
  • Anzahl der Baumschichten,
  • Anteil von und Distanz zu Verjüngungsflächen/Dickungen,
  • Anteil von und Distanz zu Windwurfflächen und Lichtungen,
  • Anteil von und Distanz zu Streuobstwiesen, Heuwiesen und anderen halboffenen Habitaten,
  • Distanz zu Gewässern,
  • Distanz zu Leitstrukturen in halboffenen Habitaten,
  • Distanz zu Verkehrswegen und zu Forstwegen/Schneisen.
  • Klima- und Höhenlage
  • Exposition.

Diese Faktoren werden mittels eines multivariaten Verfahrens, der ENFA („Ecological Niche Factor Analysis“), analysiert, um die grundlegenden Anforderungen der Bechsteinfledermaus an ihren Lebensraum abzuleiten und in einem Modell abzubilden. Diese Methode basiert auf der Reduktion unterschiedlicher Raum- und Klimavariablen zu bestimmten Hauptfaktoren, die die ökologische Nische einer Zielart (hier der Bechsteinfledermaus) bestimmen. Aus dieser Analyse wird ersichtlich, welche Habitat- aber auch forstlichen Standortfaktoren in der Untersuchungsfläche mit den Vorkommen der Bechsteinfledermaus korrelieren. Dies eröffnet in einem weiteren Analyseschritt auch die Möglichkeit, diejenigen Flächen, die aktuell nur eine verminderte Lebensraumeignung für die Zielart haben, zu identifizieren und entsprechende Maßnahmen zur Pflege und Entwicklung der Flächen als zukünftige Habitatflächen einzuleiten. Die Ermittlung dieser Potenzialflächen erfolgt mittels einer Extrapolation der Ergebnisse aus der ENFA auf die Gesamtfläche des Naturparks in Form einer Landschaftsmodellierung.