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Schutz von Höhlenbäumen

Im Lebensraum der Bechsteinfledermaus sind Baumhöhlen das wichtigste Strukturelement in der sommerlichen Aktivitätsphase. Bevorzugt werden verlassene Spechthöhlen besiedelt. Die Wochenstubengemeinschaft der Weibchen braucht in der Fortpflanzungsperiode einen Verbund vieler (meist 30-50) Baumhöhlen in naher räumlicher Nachbarschaft, weil zumindest ein Teil der Gruppe mit ihren Jungtieren alle 2-3 Tage das gemeinsame Höhlenquartier wechselt. Weil die Tiere sich traditionell verhalten, besiedeln sie jedes Jahr nach der Rückkehr aus dem Winterquartier meist denselben Quartierkomplex und geben dieses Verhalten auch an ihre Nachkommen weiter.
Der gesetzliche Schutz der Individuen als auch ihrer Lebensstätten ist im Wesentlichen in § 44 Bundesnaturschutzgesetz formuliert. Danach ist es verboten, "Fortpflanzungs- oder Ruhestätten der wild lebenden Tiere der besonders geschützten Arten aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören". Das gilt natürlich auch dann, wenn die Baumhöhle während des Winterschlafs der Fledermäuse, der zum Beispiel in alten Stollen oder frostsicheren Felsklüften stattfindet, nicht besiedelt ist.
Die Bechsteinfledermaus ist also auf ein kontinuierliches, räumlich benachbartes Höhlenangebot in ausreichender Zahl angewiesen. Hessen-Forst hat in seiner Geschäftsanweisung für den Artenschutz vorgeschrieben, dass in einem über 100-jährigen Bestand im Durchschnitt mindestens drei sogenannte Habitatbäume pro Hektar zu erhalten sind. Dazu gehören Bäume mit Großvogel-Horsten, aber auch Höhlenbäume.

In den Jahren 2014 bis 2016 erfolgten zahlreiche Netzfänge in den Wäldern des Projektgebiets des Naturparks Rhein-Taunus. Hierbei wurden 111 Bechsteinfledermäuse gefangen, von denen zur Lokalisation von Quartierstandorten insgesamt 37 weibliche Bechsteinfledermäuse besendert wurden. Insgesamt konnten 26 neue Wochenstubenkolonien der Bechsteinfledermaus im Projektgebiet des Naturparks Rhein-Taunus lokalisiert werden. Mit den bereits zu Beginn des Projekts bekannten sechs Kolonien wurden insgesamt 32 Wochenstubenkolonien für die Waldfläche des Naturparks identifiziert. Zur Identifikation der Einflussvariablen, die eine Besiedlung durch Bechsteinfledermäuse bestimmen und zur Ermittlung von Landschaftsräumen, die für die Bechsteinfledermaus besonders geeignet erscheinen (Potenzialräume für weitere Kolonien) sowie von weniger geeigneten Flächen (Defiziträume), erfolgte eine Berechnung von Habitatmodellen. Für alle Koloniestandorte erfolgte als Grundlage für die Umsetzung von beispielhaften Schutzmaßnahmen eine ausführliche Dokumentation und Information der Revierleitungen und Waldbesitzenden. Insgesamt wurden im Projekt verteilt über die Gesamtfläche des Naturparks Rhein-Taunus Schutzmaßnahmen im Wert von mehr als 350.000 € umgesetzt, im Weiteren potenzielle Ökopunkte in Höhe von ca. 430.000 € generiert. In 15 Naturschutzverträgen mit einem Finanzvolumen von ca. 300.000 € wurden 545 Bäumen auf ca. 190 ha angekauft, über Höhlenbaumkartierungen auf ca. 150 ha weitere 570 Bäume gesichert. Da das Projekt Modellcharakter hatte, war es ein zentrales Ziel, die Übertragbarkeit der Erfahrungen und Ergebnisse in andere Waldgebiete zu ermöglichen. Hierzu wurde eine fachliche Dokumentation in Form eines Praxis-Leitfadens vorgesehen. Dieser wurde zielgruppenspezifisch vor allem für Waldbesitzende, forstliche Dienstleister, Naturschutzbehörden, Landschaftspflegeverbände, Planungsbüros und Naturschutzverbände erstellt. Der veröffentlichte Leitfaden umfasst 188 Seiten und trägt den Titel: „Die Bechsteinfledermaus Myotis bechsteinii – eine Leitart für den Waldnaturschutz, Handbuch für die Praxis" (Markus Dietz, Axel Krannich; Hrsg. Naturpark Rhein-Taunus). Das Handbuch ist aktuell in einer zweiten Auflage verfügbar und kann bei der Geschäftsstelle des Naturparks angefordert werden (solange Vorrat reicht). Außerdem steht das Handbuch inklusive verschiedener Mustervorlagen (Maßnahmenpläne, Kartierbögen, Bewertungsvorlage u.a.) unter Download bereit.


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